Zauberei

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„Hakaku Hakaku atakapukaju“. Es ruckelte und zuckelte. Mariett schoss wie der Wind in die Höhe, wurde mitgerissen, umfasste sich mit beiden Händen und schwups, landete sie mitten auf einer einsamen Insel. Juhu, es hatte geklappt. Schnell zog sie sich um, vertauschte ihre Winterklamotten mit Shorts, einem zerschlissenen ärmellosen T-Shirt und zog ihre ausgelatschten Turnschuhe an, die sie in einer Umhängetasche sicherheitshalber schnell noch eingesteckt hatte. Sie versteckte ihre Wintersachen im nahegelegenen Gebüsch, auf das sie ein paar Äste als Wiedererkennungseffekt legte. Dann steckte sie ihre wilden langen Haare zu einem Zopf hoch, zog ihr Cappy tief in die Stirn und besah sich neugierig die Insel, auf der sie gelandet war.

Denn sie hatte keine Ahnung, wo sie sich genau befand. Ihr Zauberspruch hatte sie auf irgendeine Insel gebracht. Vorsichtig und langsam lief sie in den tiefen Dschungel hinein, auf jedes Geräusch lauschend. Plötzlich hörte sie einen seltsamen Laut, der wie ein langgezogenes Heulen klang und ihr liefen Schauer über den Rücken. Aber viel Zeit zum Nachdenken hatte sie nicht. Neugierig lugte sie um die Ecke, und da war es wieder. Huuuuh, klang es. Ein mit grünen Schuppen bedecktes dreibeiniges Tier schoss geradewegs auf sie zu, es war etwa so groß wie ein Fuchs, blieb genau vor ihr stehen und starrte ihr ins Gesicht. Es sah unheimlich aus. Die Zeit schien still zu stehen.

Mariett klopfte das Herz bis zum Hals. So viel Angst hatte sie selten gehabt. Sie wusste nicht, ob das seltsame Tier gefährlich oder harmlos war, denn sie war nie einem ähnlichen begegnet, nicht einmal in ihren vielen Büchern, die sie schon alle gelesen hatte.

Sie räusperte sich, verbeugte sich vor dem seltsamen Tier, um ihm ihre Ehrerbietung zu zeigen, denn schließlich war sie in sein Lebensumfeld eingetreten und sprach es an: „Hallo, ich heiße Mariett und wer bist du? Ich bin aus Deutschland durch einen Zauberspruch hierher geflogen, den ich mir selbst ausgedacht habe.“

Das dreibeinige Tier, das aussah wie ein Fuchs, kam noch ein Stückchen näher an Mariett herangehumpelt, schnupperte an ihren Beinen und musste ganz plötzlich niesen. „Tschi,“ so ähnlich klang es. Wahrscheinlich war es von ihrem Geruch irritiert.

Mariett versuchte zu lächeln, das tat sie immer, wenn ihr etwas nicht geheuer war. Hatte sie was Falsches gesagt? Das Tier schnupperte noch einmal an ihr, dann drehte es sich plötzlich um und verschwand so schnell wie es gekommen war. Mariett wartete noch, ob es noch einmal zurückkommen würde.

Als nichts geschah, ging sie ganz langsam tiefer in den Dschungel hinein. Sie hatte wieder Mut gefasst, denn das seltsame Tier hatte sich nicht weiter um sie gekümmert, also konnte es nicht gefährlich sein. Die unbekannten Geräusche klangen beinahe wie in einem Zauberwald. Um sie herum zwitscherte und gurrte es, ein Rascheln war zu hören, dann kam aus der Ferne ein tiefes Grollen, das sie erzittern ließ. Beinahe bereute sie schon, auf die fremde Insel gekommen zu sein, aber dann siegte doch ihre Neugier. 

Von all dem Unbekannten um sie herum übersah sie eine Wurzel direkt vor ihr, stolperte und fiel der Länge nach hin. Schnell stand sie wieder auf, klopfte sich den Dreck von den Hosenbeinen und spürte einen nagenden Hunger, den sie zuvor nicht bemerkt hatte, so versunken war sie in die neue Welt, die sich ihr auftat.

Wieder dachte sie an ihren Zauberspruch und wiederholte ihn leise: „Hakaku Hakaku atakapukaju“.

Sie wurde erneut in die Luft geschleudert, herumgewirbelt und stand dann plötzlich mitten in einem kleinen Dorf. Überall standen Rundhütten aus Lehm und Stroh, vor denen Menschen saßen, die in einer unverständlichen Sprache redeten und dabei wild mit Händen und Füßen gestikulierten, als würden sie über etwas sehr Wichtiges debattieren. Als sie Mariett sahen, unterbrachen sie ihre Debatte, schüttelten ihre Köpfe und winkten sie zu sich heran. Sie schienen nichts Besonderes daran zu finden, dass sie wie aus dem Nichts vor ihnen aufgetaucht war. Mariett ging näher heran, verbeugte sich wieder, wie sie es schon bei dem dreibeinigen Tier getan hatte und wartete dann erst einmal ab.

Die Insulaner lachten schallend über ihr seltsames Verhalten, klopften sich auf die Schenkel und luden sie ein, sich zu ihnen zu setzen. Schnell setzte sie sich auf den Boden im Schneidersitz und wartete erneut. Sie hatte zwar mächtigen Hunger, traute sich aber nicht, es ihnen mitzuteilen. Doch die Dorfbewohner mussten es ihr angesehen haben, denn sie holten aus ihren Hütten alles Essbare, das sie gelagert hatten und breiteten es vor ihr aus. Dann setzten sie sich im Kreis um sie herum und sahen zu, wie sie von all den unbekannten Köstlichkeiten probierte.

Da gab es gegrille Würmer, jedenfalls sahen sie so aus. Bananen, die gekocht waren und süßlich schmeckten, Gemüse, das sie nie zuvor gesehen hatte, und alles schmeckte einfach himmlisch. Selbst das Wasser, das sie ihr zu trinken gaben, hatte einen ganz anderen Geschmack als zu Hause.

Obwohl sie kein Wort von dem verstand, was um sie herum gesprochen wurde, fühlte sie sich sofort heimisch und beinahe entspannt. Es war doch richtig gewesen, sich diesen Zauberspruch auszudenken, der sie in eine völlig unbekannte Welt auf diese Insel geführt hatte. Sie war beinahe glücklich. So ein tiefes zufriedenes Gefühl hatte sie schon lange nicht mehr empfunden.

Als sie sich gestärkt hatte, hörte sie sich plötzlich selbst in einer merkwürdig fremden Sprache sprechen, die tief aus ihrem Inneren zu kommen schien und ungefähr so lautete: „Ohumanoka himuntaja.“ Sie wusste selbst nicht, was diese Worte bedeuteten, doch am Erstaunen der Menschen um sie herum musste es sich um etwas Wichtiges in ihrer Sprache handeln. Denn plötzlich war es ganz still geworden und beinahe andächtig schauten alle in ihre Richtung. Noch einmal hörte sie sich dieselben Worte sagen.

Dann schienen alle auf einmal zu reden, umringten sie, hoben sie hoch und reichten sie von einem zum anderen weiter wie in einem Kinderspiel. Anschließend betteten sie sie vorsichtig auf den Boden, deckten sie mit einer Decke zu und langsam fiel sie in einen tiefen Schlaf.

Als sie erwachte und sich umschaute, stellte sie erstaunt fest, dass sie zu Hause in ihrem eigenen Bett lag. War alles nur ein Traum gewesen?


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Von Elli Janke

Ich bin die Begründerin von federundpinsel.de. Meine Begeisterung für das Erzählen von Geschichten sowie der freien Malerei möchte ich hier mit euch teilen. Ich liebe es, meiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Wenn ihr mehr Informationen über mich möchtet, findet ihr sie in der „Über mich“ Seite. Wenn euch meine Bilder und Texte gefallen, dann freue ich mich über eure Unterstützung und Empfehlung. Wie ihr mich unterstützen könnt? Ihr findet diverse Möglichkeiten im Blog unter „Unterstützen“. Die hier veröffentliche Lyrik und Prosa ist kostenfrei für euch. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen, Hören und Schauen.

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